Wochen gegen Rassismus 2021

Wochen gegen Rassismus in Pfaffenhofen

Alle Menschen sind „frei und gleich geboren“, Rassismus ist ein Angriff auf diese Grundidee der Menschenrechte – und Alltag in Deutschland. Menschen grenzen ihre Mitmenschen aus und werten sie ab – beim Job, in der Schule, bei der Wohnungssuche oder im öffentlichen Raum.

Damit nicht genug: Manche Politikerinnen, Politiker und Medien verbreiten rassistische Ansichten. Und immer wieder kommt es zu schockierenden rassistischen Gewalttaten – wie in Halle oder Hanau.

Es ist höchste Zeit, etwas dagegen zu tun! Rassismus darf in unserer Gesellschaft nicht weiter normalisiert werden. Wir müssen das Problem beim Namen nennen und verurteilen. Doch das ist nicht immer leicht. Und manchmal handeln wir selbst ungewollt rassistisch.

 

Wir geben mit obiger Verlinkung zur Amnesty-International-Kampagne einen Einblick in die Situation von mehreren Betroffenen. Es ist eine Reihe von Beispielen von Mitbürgern zum Thema Alltagsrassismus in Deutschland.

Hier beispielhaft ein kurzes Video mit einem Interview in Ausszügen vom Jahr 2020 mit der Medizinstudentin Gülcan Cetin:

Ob rassistische Sprüche bei der Arbeit im OP oder Anfeindung im Alltag: Die Medizinstudentin Gülcan Cetin ist ständig mit Rassismus konfrontiert. Im Internet berichtet sie über ihre Erfahrungen und erhält viel Rückmeldung. 

„Im Supermarkt beschimpfte mich ein Mann einfach so als „Kanake“. Da habe ich mich umgedreht und gesagt: „Können Sie bitte nochmal wiederholen, was sie eben gesagt haben?“ Und als ich ergänzte: „Sie haben Kanake gesagt“, sagte er, dass er „Attacke“ gesagt habe.

Ob im Supermarkt, auf der Straße, in der U-Bahn: Rassismus begleitet mich überall im Alltag – vor allem auch im Beruf. 

Während meiner Ausbildung zur operationstechnischen Assistentin wurde ich im OP gefragt, ob ich unterdrückt werde. Eine andere Frage war, ob mein Vater erlaubt habe, dass ich Nacht- und Bereitschaftsdienste machen darf. Und als mich der Oberarzt zum ersten Mal außerhalb des OPs sah, sagte er: „Ich dachte, du bist eine intelligente und emanzipierte Frau.“ An dem Tag sah er mich zum ersten Mal ohne OP-Haube und mit Kopftuch.

Diese Erfahrungen prägten meinen Arbeitsalltag: Einmal besprachen zwei Chirurgen die Operationsschritte mit den Worten: „Erst von vorne, dann von hinten – wie zu Hause.“ Alle im OP lachten schallend los – ich nicht. Daraufhin hieß es: Die kleine Muslimin versteht das nicht. Dabei fand ich es einfach nicht lustig, sondern sexistisch. 

Als ich nach der Ausbildung den Entschluss fasste, Medizin zu studieren, rieten mir Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen ab, weil ich doch sowieso irgendeinen Ahmed mit BMW heiraten, mit ihm einen Obstladen übernehmen und viele Kinder bekommen würde. 

Im Lauf meines Medizinstudiums habe ich dann auch von einem Professor Rassismus erfahren. Und von Patientinnen und Patienten habe ich immer wieder gehört, dass ich gut Deutsch spreche. Oft werde ich gefragt, wo ich geboren bin und ob ich zurück „in mein Land“ gehen will. Ich antworte dann immer: „Ich bin doch Deutsche, wo soll ich denn hingehen? Das hier ist doch mein Land, ich bin in Hamburg geboren.“

Ich werde so oft dazu genötigt, mich zu beweisen und zu rechtfertigen: Aber ich bin niemand Rechenschaft schuldig, der mich mit rassistischen Vorurteilen über muslimische Frauen konfrontiert. 

Ausschluss und Anfeindung erfahre ich schon seit Schulzeiten: Auch Lehrer haben mich oft rassistisch diskriminiert. Das begann schlagartig ab dem Zeitpunkt, als ich angefangen habe, Kopftuch zu tragen.

Meine Erfahrungen in der Schule, während der Ausbildung und im Studium zeigen, dass Rassismus zum Alltag gehört. Das haben manche immer noch nicht verstanden. Mir ist klargeworden, dass ich das nicht mehr dulden möchte. Darum berichte ich im Internet über Rassismus.

Ich habe auf Instagram eine große Reichweite. Auf eine einzige Story zu diesem Thema habe ich mehr als 3.000 Nachrichten bekommen. Meine Follower haben mir geschrieben, was ihnen selbst passiert ist. Viele Menschen sind von rassistischen Vorfällen so traumatisiert, dass sie sich für das schämen, was ihnen widerfährt. Aber schämen sollten sich dafür alle anderen, nicht sie.“

Die Amnesty-Gruppe Pfaffenhofen engagiert sich daher neben den Aktionen zu allen Menschenrechten gemäß der Menschenrechts-Charta (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948) auch bei anderen Aktionen, Vereinen und Gruppierungen, wie Mitarbeit bei den „Wochen gegen Rassismus“ in Pfaffenhofen und beim Internationalen Kulturverein Pfaffenhofen (IKVP).

Wer in unserer Gruppe mitmachen möchte, ist herzlich und unverbindlich eingeladen, zu unseren monatlichen Treffen (nachdem die coronabedingten Einschränkungen von Treffen aufgehoben sind) zu kommen.

 

Weitere Hintergrundinformation zu Rassismus

Hier sind sieben gute Gründe, warum wir alle Rassismus persönlich nehmen sollten

Wenn Menschen aufgrund ihrer „Hautfarbe“, ihrer angenommenen Herkunft oder anderer Zuschreibungen mit rassistischen Vorurteilen konfrontiert werden, können sie gar nicht anders, als das persönlich zu nehmen. Sie werden verletzt, ausgegrenzt und diskriminiert. Wer zur weißen Mehrheit in unserer Gesellschaft gehört, hat dagegen das Privileg, sich entscheiden zu können, diese Diskriminierungen zu ignorieren oder aber sich angesprochen zu fühlen, die eigenen Vorurteile zu hinterfragen, und sich einzumischen. Es gibt viele gute Gründe, warum wir alle Rassismus persönlich nehmen sollten.

 

Rassismus ist ein Angriff auf uns alle

Mit jeder rassistischen Handlung, mit jeder rassistischen Äußerung – ob gewollt oder ungewollt – werden Menschen abgewertet und ausgegrenzt. Rassismus trennt uns alle in ein „Wir“ und „die anderen“, denen zumeist weniger Rechte zugesprochen werden. Rassismus verneint die Gleichheit aller Menschen, die unter anderem in Artikel 7 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und Artikel 3 des deutschen Grundgesetzes festgehalten ist, und verletzt die Menschenwürde. Jede rassistische Handlung ist daher auch ein Angriff auf die gesetzliche Grundlage unserer Gesellschaft, die alle vor Diskriminierung schützt.

 

Schutz vor Diskriminierung ist ein Menschenrecht

Artikel 2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und Artikel 3 des deutschen Grundgesetzes schreiben fest, dass niemand rassistisch diskriminiert werden darf. Kein Mensch darf wegen seiner Abstammung, seiner Sprache, seiner Herkunft, seines Glaubens oder seiner politischen Anschauungen benachteiligt werden. Dieses absolute Diskriminierungsverbot ist eine der Lehren der Weltgemeinschaft aus den Erfahrungen zweier Weltkriege, den Verbrechen des Nationalsozialismus und des Kolonialismus. Heute ist es mehr denn je notwendig, daran zu erinnern.

 

Wer Vielfalt will, muss sich einmischen

Rassismus ist in Deutschland wieder auf dem Vormarsch. Im Jahr 2016 verzeichnete die Bundesregierung nach vorläufigen Zahlen ca. 12.500 rechts motivierte Straftaten. Die Täter fühlen sich durch ein gesellschaftliches Klima, in dem rassistische Ressentiments immer offener propagiert werden, ermutigt. Wenn zu rassistischen Taten und Worten geschwiegen wird, empfinden das rassistisch Handelnde als Zustimmung. Wer will, dass sich alle Menschen in unserer vielfältigen Gesellschaft sicher und frei fühlen, muss sich einmischen und gegen Rassismus aktiv werden.

 

Nicht nur extrem Rechte handeln rassistisch

Als Rassismus werden fälschlicherweise oft nur die Taten und Worte von extrem Rechten bezeichnet. Doch wir alle handeln oder äußern uns im Alltag oft rassistisch und grenzen Menschen aus, ohne dass wir dies beabsichtigt hätten. Nicht jeder Mensch ist deshalb gleich ein Rassist. Doch über Generationen wurden in unserer Gesellschaft durch Politik, Traditionen, Massenmedien oder Sprachgebrauch rassistische Vorurteile und Stereotype entwickelt, gefestigt und weitergegeben, die sich vielfach in unserem Handeln ausdrücken. Die Autorin Noah Sow schreibt: „Wir können nichts dafür, dass wir so viel rassistischen Unsinn beigebracht bekommen haben. Wir können ihn jetzt aber loswerden.“

 

Die Sicht der Betroffenen zählt

Häufig bekommen Betroffene zu hören, die Benutzung eines rassistischen Wortes sei doch „nicht so gemeint“. Oder hinter der Nachfrage „Woher kommst du wirklich?“ stecke doch nur freundliches Interesse. Entscheidend ist aber nicht, was wir ausdrücken wollten, sondern, wie es bei unserem Gegenüber ankommt. Wer mit solchen Fragen und Klischees ständig konfrontiert wird, bei der oder dem kommt an: Du bist anders, du gehörst nicht dazu. Maßgeblich dafür, ob eine Handlung oder Äußerung rassistisch ist, ist daher die Sicht der Betroffenen. An ihr sollten wir unser Handeln und Sprechen orientieren.

 

Rassismus verhindert die gleichberechtigte Teilhabe aller

Rassismus verwehrt es Betroffenen in vielen Bereichen des Lebens, an dieser Gesellschaft gleichberechtigt teilzuhaben. Zum Beispiel haben es Schwarze oder z.B. türkeistämmige Kinder in der Schule schwerer, weil ihnen manche Lehrkräfte nicht viel zutrauen. People of Color haben oft schlechtere Chancen, einen Job oder eine Wohnung zu finden, weil sie schon allein wegen ihres Namens aussortiert werden. An vielen Orten können sie sich weniger frei bewegen, weil sie Angst haben müssen, in eine verdachtsunabhängige Polizeikontrolle zu geraten. Wer möchte, dass alle die gleichen Möglichkeiten haben, kommt nicht umhin, sich gegen Rassismus einzusetzen.

 

Weiße profitieren von rassistischer Diskriminierung

Dass People of Color in vielen Situationen des alltäglichen Lebens strukturelle Nachteile haben, heißt gleichzeitig, dass die Angehörigen der weißen Mehrheitsgesellschaft davon profitieren. Ob auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, im Gesundheitssystem, in der Schule oder Universität, an der Supermarktkasse oder an der Discotür: Weiße sind gegenüber Schwarzen oder z.B. türkeistämmigen Menschen privilegiert, auch wenn sie womöglich auf anderen Ebenen – zum Beispiel als Frauen, Menschen mit Behinderung, Sozialhilfeempfänger oder Homosexuelle – ebenfalls Diskriminierung erfahren. Auch aus dieser Privilegierung erwächst die Verantwortung, sich selbstkritisch mit Rassismus auseinanderzusetzen.

28. Februar 2021